Kapitel 1 von 7
Kapitel 1
„Hier bitte“, sagt die freundliche Frau von der Parkstation und reicht mir eine Karte, auf welcher der komplette Nationalpark abgebildet ist. „Sie ist sehr leicht zu lesen und wir hatten bis jetzt nur sehr wenige Besucher, die sich verlaufen haben.“
Ich schenke ihr ein Lächeln und nehme die Karte entgegen. „Vielen Dank!“, erwidere ich. „Eigentlich habe ich einen guten Orientierungssinn, von daher denke ich nicht, dass ich mich verlaufen werde.“ Als ich mir meine Worte noch einmal durch den Kopf gehen lasse, verziehe ich den Mund. „Ich hoffe es zumindest“, füge ich dann noch hinzu.
Die Frau mit den langen braunen Haaren, die ein dunkelgrüner Hut bedecken, greift unter den Tresen und holt ein Funkgerät hervor. „Das bekommen Sie auch noch, damit Sie jederzeit erreichbar sind und auch immer jemanden erreichen können, wenn Sie Hilfe benötigen.“ Sie schiebt mir das Gerät zu. „Wir haben auch an jeder Station Telefone, die Sie benutzen können.“ „Danke“, sage ich wieder und stecke das Funkgerät in meinen fast 20 Kilogramm schweren Rucksack. Danach schultere ich ihn und stöhne leise auf, als mir bewusstwird, was ich meinem Rücken damit eigentlich antue. Aber das ist nun einmal so, wenn man ein paar Tage in der norwegischen Wildnis verbringen möchte.
„Ich wünsche Ihnen viel Spaß in unserem Nationalpark und ein paar erholsame Tage“, sagt die Frau und deutet auf den Ausgang. „Wir sehen uns in ein paar Tagen wieder.“
Ich lächele und bin schon ganz aufgeregt auf meine Tour. „Ja, das hoffe ich“, scherze ich, hebe die Hand zum Abschied und mache mich auf den Weg aus der Station heraus. Dazu muss ich noch an etlichen Regalen gefüllt mit Lebensmitteln vorbei. Noch einmal nach links, zweimal nach rechts und ein letztes Mal nach links und schon gehe ich durch die zweiflügelige Glastür.
Die kleine Station befindet sich mitten im Wald und ist die letzten Meter nur zu Fuß zu erreichen. Mein Leihwagen steht auf einem ungefähr 500 Meter entfernten Parkplatz. Sobald ich draußen ankomme, werde ich mit vollkommener Natur konfrontiert. „Hei“, begrüßt mich ein älterer Herr mit weißem Bart, während ich ihm Platz vor der Tür mache, sodass er die Station betreten kann.
Ich lächele freundlich und nicke. „Hei“, erwidere ich und bemerke erst jetzt, dass ich den Waldboden schon betreten habe. Schritte sind darauf fast nicht zu hören, aber dafür mehr und mehr die Töne der Natur. Die Sonne trifft sanft meine Haut und ein frischer Wind weht mir um die Nase. Es riecht nach purer Frische der Bäume und nach Meer. Die Prise verfängt sich in den dichten Baumkronen und bringt die Blätter zum Rauschen. Dazu zwitschern viele verschiedene Vögel um die Wette. Sie scheinen die Natur genauso zu genießen wie ich. Das Zwitschern eines Vogels hört sich so an, als wolle er sagen Komm mit, komm mit. Also folge ich seiner Aufforderung und gehe in mein diesjähriges Abenteuer. Durch einen kleinen und schmalen Pfad hinter der Station trete ich tiefer in den Wald hinein. Ich fühle mich sehr wohl, obwohl ich allein unterwegs bin. Andere hätten vermutlich Angst, aber ich genieße das Alleinsein in der Natur vollkommen. Ich war schon immer ein Mensch, der seine freie Zeit draußen verbracht hat, und das kann mir auch niemand nehmen. Jedes Jahr suche ich mir ein neues Land aus, packe meinen Rucksack und mache mich auf die Reise. Mein Vater unterstützt mich sehr und findet toll, was ich mache. Er sagte schon immer zu mir, dass ich die Welt kennenlernen, entdecken und mit eigenen Augen sehen soll. Jedes Jahr sucht er geeignete Ziele mit mir zusammen aus, während meine Mutter andauernd Angst um mich hat, wenn ich allein unterwegs bin. Aber ich passe schon auf mich auf, sie muss sich keine Sorgen machen. Ich liebe die Natur, sie schenkt mir Frieden und Ruhe und sorgt dafür, dass ich auch einmal ganz für mich sein kann. Während ich mit einem breiten Lächeln durch den Wald laufe, streichele ich die Blätter der verschiedenen Bäume und fasse auch ihre Rinde an. Anschließend sehe ich an mir herunter auf den weichen und erdigen Boden. Hervorstehende Gräser streifen meine enganliegende Hose. Und wenn ich ganz genau hinhöre, höre ich das Rauschen des Meeres, obwohl es ein ganzes Stück entfernt ist. Meine Wanderschuhe legte ich mir erst letzte Woche kurz vor dem Urlaub zu. Eigentlich ist meine ganze Ausstattung neu, bis auf den Rucksack. Diesen habe ich von meinem Vater bekommen. Er hat ihn noch aus alten Militärzeiten und er war und ist immer noch davon überzeugt, dass er ihm Glück brachte. Das ist auch ein Grund, warum ich ihn bei meinen Reisen immer dabeihaben soll.
Schon auf dem Flug hierher wusste ich, dass mein Urlaub diesmal wieder ein voller Erfolg werden wird. Fünf Tage und vier Nächte werde ich in diesem Nationalpark verbringen und hoffe, dass ich die Natur noch mehr und tiefer kennenlernen kann. Als ich an einer Kreuzung ankomme und mir die Beschilderung wenig sagt, krame ich die Karte aus meiner Seitentasche und falte sie auf. Dabei kommen mir zwei norwegische Wanderer entgegen. Sie scheinen zu wissen, wo sie lang müssen, denn sie nicken mir freundlich zu und biegen nach rechts ab, ohne auch nur einen Blick auf eine Karte oder die Schilder zu werfen.
Aber auch ich komme gut zurecht. Im Kartenlesen war ich schon immer gut. Wenn ich irgendwo hinfahre, nehme ich lieber den Atlas zur Hand statt mein Navigationsgerät. Ich bin der Meinung, dass ich das von meinem Vater habe, denn er hält heute noch immer nichts von dem ganzen technischen Kram.
Drei Blicke auf die Karte genügen mir schon und ich finde heraus, dass ich einfach geradeaus weiter gehen muss. „Weiter gehts“, sage ich zu mir selbst, stecke die Karte wieder weg und laufe weiter. Dabei entdecke ich immer wieder Neues, was uns die Natur und so ein Wald zu bieten hat. Bunte Blumen, hohe Gräser und Gebüsche, dazu kleine Hügel mitten im Wald und riesige Wurzeln von Bäumen, die dem letzten Sturm nicht standhalten konnten. Hier scheint die Zeit still zu stehen.
Ich erschrecke und drehe mich herum, als ich hinter mir ein lautes Knacken höre, das gar nicht zu der Stille des Waldes passt. Kurz macht mein Herz einen kleinen Satz, aber ich beruhige mich schnell wieder, als ich mir sage, dass hier nichts ist, was mir schaden möchte oder kann. „Hei?“, rufe ich dennoch in den Wald. Als Antwort bekomme ich mehrmals mein Echo zu hören und ein paar Vögel, die sich durch meine laute Stimme erschrecken und aus einer Baumkrone flüchten. Für einen kleinen Augenblick bleibe ich noch stehen und horche, sobald ich aber merke, dass es wahrscheinlich nur ein Tier war, setze ich mich wieder in Bewegung.
Stumm und die Einsamkeit genießend setze ich also meinen Weg fort, bis ich ohne weitere Probleme die erste Station für die Nacht erreiche. Mittlerweile haben dichte Wolken die Sonne verdeckt und auch die Frau aus der Parkstation sagte, dass für den Abend Regen angekündigt ist. Also verliere ich keine Zeit und mache mich daran, mein Zelt aufzubauen. Das Nachtlager ist auf einer kleinen Lichtung auf einem Hügel. Hier finde nicht nur ich Unterschlupf, sondern auch andere Wanderer haben hier ihr Zelt aufgeschlagen.
Obwohl ich ein sehr geselliger Mensch bin, entschließe ich mich heute dazu, mein Zelt etwas abseits aufzubauen. Am Rand des Waldes finde ich auch eine geeignete Stelle, hier störe ich niemanden und niemand stört mich.
Ich seufze laut, als ich den schweren Rucksack vom Rücken nehme. Während ich lief, ist mir das schwere Teil gar nicht so aufgefallen. Schnell hole ich mein Einmannzelt heraus und innerhalb von zehn Minuten steht es sicher an Ort und Stelle. Ich habe tagelang dafür geübt, dass ich es so schnell aufstellen kann und wie ich sehe, hat es sich gelohnt. Sobald es steht, fängt es auch schon an zu regnen. Aber zu unser aller Glück ist es nur ein leichter Nieselregen, der der Natur sehr guttut. Ich werfe zuerst meinen Rucksack ins Zelt, dann klettere ich hinterher und schließe auch gleich den Reißverschluss des Einganges. Nachdem ich meinen Schlafsack ausgebreitet habe, zieht auch schon die Dämmerung herein. Draußen höre ich die anderen Wanderer. Manche sitzen vor ihren Zelten und unterhalten sich, während andere ein Feuer entfacht haben und dort ihr Essen zubereiten. Und das trotz des Regens.
Ich selbst habe mich für die fünf Tage für Fertigessen entschieden, welches ich nicht groß zubereiten, sondern nur aus dem Rucksack ziehen und in meinen Mund stecken muss. So wie auch heute Abend. Nach dem Essen schmiege ich mich hundemüde in meinen Schlafsack und schließe die Augen, dabei denke ich an meinen ersten Wandertag und hoffe, dass der zweite nahtlos daran anknüpfen kann. Von Sekunde zu Sekunde merke ich, dass ich immer müder und meine Glieder immer schwerer werden. Gleich werde ich einschlafen und etwas Schönes träumen. Ich …
„Aaaahhhhh“, höre ich plötzlich und schrecke hoch. „Was war das?“, frage ich mich selbst, bin mir aber nicht ganz sicher, ob ich diesen Schrei wirklich hörte oder ob es nur eine Einbildung vor dem Einschlafen war.
Schnell schaue ich auf meine Armbanduhr und stelle fest, dass es schon mitten in der Nacht ist. Wie kann das denn sein? Ich habe mich doch gerade erst hingelegt. Auf einmal nehme ich draußen wieder ein lautes Knacksen und ein Rascheln wahr. Du bist hier in einem Wald, sage ich zu mir selbst. Hier raschelt und knackst es immer und in der Nacht hört sich alles meist lauter an. Meine Worte beruhigen mich zwar etwas, dennoch muss ich einmal nach draußen, um mich zu vergewissern, dass dort nichts ist. Also schnappe ich mir die Taschenlampe, schlüpfe aus dem Schlafsack und öffne langsam den Reißverschluss des Eingangs. Dann leuchte ich die Gegend außerhalb des Zeltes ab. „Hallo ist da jemand?“, traue ich mich dann leise zu rufen. Einen Wimpernschlag später lache ich mich selbst aus. Das ist ein Klassiker unter den Fragen in so einer Situation.
Da ich nichts entdecke, schüttele ich den Kopf, mache den Reißverschluss wieder zu, die Taschenlampe aus und kuschele mich in den Schlafsack. Kurz denke ich noch über den Schrei und die Geräusche nach, aber einige Sekunden später falle ich in einen tiefen und entspannten Schlaf.
Kapitel 2 von 7
Kapitel 2
Nach einem guten Frühstück und einer Katzenwäsche, packe ich alles zusammen, schaue noch einmal kurz auf die Karte und mache mich wieder auf den Weg für meine heutige Tour. Auf diese freue ich mich besonders, denn heute werde ich gegen Mittag den Wald verlassen und weiter auf freier Flur unterwegs sein. Wenn man früh morgens in einem Wald unterwegs ist, fühlt man eine ganz andere Atmosphäre. Zum Teil merkt man auch, dass sich die Tiere der Nacht zurückziehen und Platz für die Tiere des Tages machen. An anderer Stelle spürt man ganz genau, dass der Wald gerade erst erwacht. Man riecht andere Gerüche, man hört andere Töne, selbst die Luft ist ganz anders. Das ist für mich auch der Zauber der Natur. Manche Menschen, die ihr gesamtes Leben nur in der Stadt verbringen, wissen gar nicht, was sie verpassen. Ich könnte es mir jedenfalls nicht mehr vorstellen, ohne die Natur zu leben. Bis zu meinem 16. Lebensjahr wohnten wir ganz ländlich in einem kleinen Dorf mit ungefähr 350 Einwohnern. Leider mussten wir irgendwann in die Stadt ziehen, da mein Vater einen neuen Job bekommen hat. Diese Umstellung war für mich und die ganze Familie ziemlich hart. Aber meine Eltern taten alles, damit mein Bruder und ich uns wohlfühlten. Sie schafften mitten in Stadt eine kleine grüne Oase für uns im Garten unseres Wohnhauses. Dazu versuchten sie jedes Wochenende mit uns aufs Land zu fahren. Ich bin fest davon überzeugt, dass meine Liebe zur Natur durch diesen Umzug noch stärker geworden ist. Bekanntermaßen vermisst man erst etwas, wenn man es nicht mehr direkt vor der Nase hat. Und das war genau bei mir der Fall. Der ganze Trubel der Stadt zwang mich auch eines Tages dazu, einfach mal allein in den Urlaub zu fahren und so entstanden meine jährlichen Alleingänge in fremde Länder. Am Ende des Weges erkenne ich schon den Rand des Waldes. Kurz bleibe ich noch einmal stehen, schließe die Augen und atme für die kommenden Tage ein letztes Mal die frische Luft des Waldes ein. Dabei bedanke ich mich innerlich beim gesamten Wald, der mir gestern und in der Nacht erlaubte, hier zu sein.
Als ich die Augen wieder öffne, rücke ich meinen Rucksack zurecht und verlasse über einen schmalen Trampelpfad den Wald. Dann finde ich mich auf einer saftig-grünen Wiese wieder. Hinter mir weht ein kurzer heftiger Wind durch die Baumkronen, als würden sie sich von mir verabschieden wollen. Ich lächele, hebe die Hand zum Abschied und laufe quer über die Wiese weiter.
Heute hat die Sonne leider keine Chance, ihr warmes Gesicht zu zeigen. Nebel und Wolken machen ihr das sehr schwer. Direkt vor mir erstrecken sich hohe Berge. Obwohl sie noch sehr weit entfernt sind, sieht es aus, als könne man sie mit ein paar Schritten erreichen. Die Gipfel verstecken sich genauso wie die Sonne hinter den Wolken. So kann man nur erahnen, wie hoch sie sind. Mein Weg führt auf einen kleinen Hügel, den ein einziger Baum schmückt. Von dort aus hat man einen atemberaubenden Blick über ein wunderschönes Tal, das ich heute noch durchqueren werde. Türkisblaue Seen, hier und da ein Baum, große und kleine Steine bewachsen mit Moos und spitze Felsen runden den Anblick vollkommen ab. Ich bin im Paradies gelandet, anders kann ich diese norwegische Landschaft nicht bezeichnen.
Um meine Eindrücke und Erinnerungen festzuhalten, hole ich meinen Fotoapparat heraus und schieße ein paar Bilder, die ich zu Hause auch meiner Familie präsentieren kann. Ich bin vollkommen überwältigt und brauche noch eine Weile, bis ich meinen Weg fortsetzen kann. Als ich durch das Tal laufe, ist es unheimlich still um mich herum. Ab und an hört man den Wind pfeifen und die Grashalme, wenn sie sich dadurch biegen. Aber sonst gibt mir diese Umgebung das Gefühl, als sei ich der einzige Mensch auf Erden. Während all meiner Reisen habe ich so etwas noch nie erlebt. Es fühlt sich fast an wie Zauberei an. Norwegen hat für mich schon immer etwas Magisches und aus Erzählungen von Freunden weiß ich auch, dass dieses Land etwas ganz Besonderes ist. Ich konnte es mir nie so richtig vorstellen, aber jetzt weiß ich ganz genau, wovon sie immer sprachen und ich bin gerade der glücklichste Mensch, dass ich das erleben darf. „Liv“, flüstert plötzlich jemand meinen Namen. Erschrocken bleibe ich stehen und drehe mich einmal im Kreis, weil ich keine Ahnung habe, aus welcher Richtung das kam. „Liv“, höre ich wieder und zucke vor Schreck zusammen.
Was war das? „Wer ist da?“, frage ich sofort aus Reflex, meine Stimme zittert und das erste Mal bekomme ich richtig Angst. Mein Kopf schwenkt von einer Richtung in die andere, aber ich kann nichts erkennen. Dann bleibe ich einfach stehen und horche in die Umgebung. Aber je mehr ich versuche etwas zu hören, desto lauter rauscht es in meinen Ohren. Hier hätte man genug Möglichkeiten, sich zu verstecken, hinter den Hügeln oder den Felsen, sogar im See. Ein Teil in mir sagt, dass ich weitergehen soll. Aber ein anderer Teil sagt, dass ich dem auf den Grund gehen soll. Aber was, wenn ich mir das alles nur einbilde, was, wenn mir der Wind nur einen Streich spielt? Wer sollte hier sein, der meinen Namen kennt? Mein Puls rast und mein Herz schlägt schnell. Dann drehe ich mich ein letztes Mal im Kreis und gleich darauf setze ich, ohne noch einmal zurückzuschauen, meinen Weg fort. Dennoch kann ich es nicht vergessen und denke die ganze Zeit noch darüber nach. Plötzlich stehe ich vor einem großen Wasserfall. Ich war so in Gedanken, dass ich gar nicht mitbekam, wie ich weiter durch das Tal ging und durch eine kleine Felsspalte dieses wieder verließ. Ich bin verwirrt und schaue mich erst einmal um. Vor dem Wasserfall, der beinahe einen höllischen Lärm verursacht, auf der gegenüberliegenden Seite ist ein Plateau, auf dem ein paar Menschen verteilt stehen und ebenfalls diesen Anblick genießen. Obwohl das Wasser mit voller Wucht von einem Berg in die Tiefe stürzt und man kaum sein eigenes Wort hört, sind diese Töne ein Segen für die Seele. Es beruhigt und es entspannt, es ist einfach wunderschön mit anzusehen, wie das Wasser seinen Lauf nimmt. Neben dem Plateau ist ein Parkplatz, auf dem nur wenige Autos stehen und daneben ist ein Bereich, in dem Bänke und Tische sind. Da ich mittlerweile einen Bärenhunger habe und mich etwas von dem Gang durch das gruselige Tal erholen muss, beschließe ich, erst einmal eine kleine Pause zu machen.
Also gehe ich über einen Holzsteg in Richtung Parkplatz und suche mir eine Stelle zum Ausruhen, von der aus ich einen perfekten Blick auf den Wasserfall habe. Jeder, dem ich begegne, hat ein nettes „Hei“ und ein freundliches Lächeln für mich übrig. Dieser Wasserfall scheint nicht nur mir, sondern auch den anderen Leuten Ruhe und Frieden zu schenken.
Sobald ich sitze, stelle ich meinen Rucksack neben mich und hole die Tüte mit den leckeren Riegeln, welche meine Mutter mir empfahl, heraus. Danach lege ich die Füße hoch und beobachte die Umgebung.
Eltern zeigen beeindruckt ihren Kindern die Gegend und den Wasserfall. Vorne auf dem Plateau spürt man sicher die kleinen feinen Tröpfchen des Wassers auf der Haut. Für mich ist jedenfalls klar, dass ich das heute auch noch fühlen möchte, ehe ich mich wieder auf den Weg mache. Ich liege gut in der Zeit, von daher macht es nichts aus, wenn ich mich etwas länger hier aufhalte.
Ein kleines Mädchen wirkt etwas ängstlich. Mit großen Augen sieht sie sich um und hält sich immer in der Nähe ihres Vaters auf. Dazu hält sie einen Troll als Kuscheltier fest umschlungen in ihren Armen. Bei diesem Anblick muss ich lächeln und weiß, dass wenn sie etwas älter ist, sie keine Angst mehr vor einem riesigen Wasserfall haben wird. Für eine kurze Zeit ist mein Blick starr in das fallende Wasser gerichtet, als ich plötzlich etwas Komisches bemerke. Das Wasser fällt nicht gerade herunter, sondern wird aus heiterem Himmel von irgendetwas unterbrochen. Neugierig lehne ich mich nach vorne und kneife die Augen zusammen, um besser sehen zu können, aber auf einmal ist es weg und alles ist wieder wie zuvor.
Etwas verdutzt sehe ich mich um, um herauszufinden, ob das noch jemand anderes gesehen hat. Über eine Treppe und einen Steg kann man auch hinter dem Wasserfall entlanggehen. Da ich eh dort lang muss, packe ich schnell meine Sachen zusammen und wage einen Blick dahinter.
Kapitel 3 von 7
Kapitel 3
Es ist ein wunderschönes Gefühl, durch herabfallendes Wasser zu laufen. Zwar wird man dabei nass, jedoch fühlt es sich nicht so an. Vor mir laufen noch zwei junge Männer, denen ich einfach folge. Hinter dem Wasserfall angekommen, muss man aufpassen, wo man hintritt, da die Steine sehr feucht und rutschig sind. Auch ein entsprechendes Schild weist darauf hin.
Die beiden Männer laufen einfach weiter und verschwinden in dem weißen Schleier des Falls, während ich stehen bleibe, das laute Rauschen, die Feuchte und die leichte Dunkelheit genieße. Ein frischer Geruch von nassem Stein steigt in meine Nase. Hinter dem Wasserfall führt eine kleine Höhle direkt in den Berg. Jedoch steht auch hier ein Schild, dass davor warnt, diese allein zu betreten. Ich wage nur einen kleinen Blick hinein und denke an Filme und Serien, in denen sich Drachen hinter solchen Wasserfällen und in Höhlen verstecken. Für einen kurzen Augenblick geht meine Fantasie mit mir durch und ich stelle mir vor, dass sich auch hier ein Fabelwesen versteckt hält. Und zwar genau das, das sich mir vorhin auf der Bank gezeigt hatte. Seit meiner Kindheit bin ich ein großer Fantasiefan. Ich komme keine Woche ohne ein großartiges Buch aus, in das ich vollkommen eintauchen und den Alltag für einen kleinen Moment vergessen kann. Fantasie gehört zu meinem Leben, so wie die Natur. Eine Welt ohne Fantasie ist wie ein Leben ohne Augenlicht. Plötzlich werde ich durch ein Funkeln auf der linken Seite abgelenkt. Neugierig und mit gerunzelter Stirn gehe ich darauf zu und entdecke ein goldenes Armband mit verschiedenen Edelsteinen darauf.
Interessiert hebe ich es auf und schaue es mir genauer an. Der Größe nach muss es wohl einem Kind gehören. Aber im nächsten Moment frage ich mich, was für ein Kind so ein Armband trägt. Es ist schwer und ziemlich protzig, das passt weder zu einem Jungen noch zu einem Mädchen. Komisch. Ich drehe es in meiner Hand und sehe es mir von allen Seiten an. Vielleicht finde ich irgendwo eine Gravur oder einen anderen Anhaltspunkt. Ich staune nicht schlecht, als ich wirklich etwas entdecke. In der Innenseite ist mit einer schnörkeligen Schrift der Name Ferdinand eingeritzt. „Ferdinand“, lese ich laut vor und im selben Moment nehme ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr. Mit einem Satz drehe ich mich herum, kann jedoch nichts weiter erkennen. Die Wände glänzen vom Wasser und das Rauschen macht es schwer, etwas zu hören. Wieder erschrecke ich, als eine Gruppe von vier Personen ebenfalls hinter den Wasserfall tritt. Sie sprechen laut und in einer Sprache, die ich nicht kenne. Schnell stecke ich den Armreif in meine Jackentasche und sehe noch einmal in die Höhle. Als ich jedoch nichts mehr sehe, mache ich mich wieder auf den Weg. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass ich verfolgt werde oder dass irgendjemand versucht, mir etwas mitzuteilen. An meinem nächsten Nachtlager angekommen, staune ich nicht schlecht, da hier viel mehr Betrieb herrscht als bei dem Lager der letzten Nacht. Aber dagegen habe ich heute nichts einzuwenden. Obwohl ich die Einsamkeit in den nächsten Tagen suche, bin ich jetzt froh, unter mehreren Menschen zu sein. So fühle ich mich etwas wohler und sicherer.
Wie am Abend zuvor auch, baue ich innerhalb von zehn Minuten mein Zelt auf und richte mich ein. Währenddessen nehme ich auch noch einmal eine kleine Mahlzeit zu mir. Diesmal sitze ich aber nicht im Zelt, sondern davor auf einer Decke und beobachte die einbrechende Dämmerung. Hinter dem Lager ist ein See, dessen Wasserbewegungen ganz leicht zu hören sind. Auf der linken Seite ist ein kleiner Wald, auf der rechten Seite befindet sich ein Hügel und dazwischen sitze ich vor meinem Zelt und lasse die pure Natur auf mich wirken. Plötzlich höre ich Schritte auf mich zukommen, denen ich mich sofort zuwende. Ein fröhlich lächelndes Pärchen winkt zur Begrüßung. „Am See gibt es ein Lagerfeuer“, sagt das Mädchen. „Hast du Lust mitzukommen?“
„Natürlich“ erwidere ich neugierig, springe auf und schließe mein Zelt. Ein Lagerfeuer kann ich mir doch nicht entgehen lassen, vor allem nicht hier in Norwegen.
Über ein Stück Wiese folge ich ihnen an den See. Von Weitem sehen wir schon das Feuer, um das sich einige Leute versammelt haben. Sie sind alle nett, nehmen mich in Empfang und unterhalten sich mit mir.
Als die Dunkelheit nun endgültig Besitz von der Natur ergriffen hat, sorgt ein Mann dafür, dass das Feuer noch größer wird. Es spendet uns Licht und Wärme. Danach fängt er mit einer tiefen und rauen Stimme an, Märchen zu erzählen. Er erwähnt, dass es für manche nur ausgedachte Geschichten sind, aber andere glauben daran. In einer Geschichte spricht er von Trollen so groß wie Riesen, in der nächsten sind sie kleiner als eine Katze. Ich erwische mich dabei, dass ich mich ganz in seinen Erzählungen verliere und frage mich, ob ich sie glauben oder doch eher zu den Erfindungen stecken soll. Der Abend war meiner Meinung jedoch mehr als erfolgreich und die Nacht ebenso.
Kapitel 4 von 7
Kapitel 4
Am nächsten Morgen bin ich schon wieder sehr früh unterwegs. Als ich aufbreche, schlafen alle anderen noch. Aber das mag auch daran liegen, dass sie länger am Lagerfeuer saßen als ich. Nachdem der interessante Mann mit seinen Geschichten fertig war, verabschiedete ich mich und zog mich in mein Zelt zurück. Mein heutiger Weg führt wieder durch ein Waldstück, das laut Karte jedoch nicht lange anhalten soll. Schon als ich den Wald betrete, habe ich wieder das Gefühl, dass mich etwas verfolgt. Normalerweise verfliegt so ein Gefühl schnell wieder, aber diesmal kann ich es einfach nicht abschütteln.
Und ich kann nicht einmal sagen, woher es kommt oder warum ich es habe. Vielleicht liegt es daran, dass du in den letzten Tagen ein paar merkwürdige Dinge erlebt hast und deswegen jetzt etwas unter Paranoia leidest, sagt eine Stimme in meinem Kopf und sie hat wahrscheinlich recht. Es ist einfach nur … Mit schlagendem Herzen bleibe ich stehen, als ich ein komisches Geräusch höre. Mit Adleraugen scanne ich die Gegend ab, kann aber weiter nichts Außergewöhnliches finden. „Was ist das?“, spreche ich wieder mit mir selbst und finde einfach keine Erklärung dafür. Es hört sich an wie ein Jammern und Schniefen, als würde jemand in meiner unmittelbaren Nähe weinen.
Plötzlich erfasse ich keine fünf Schritte vor mir ein hin- und herschaukelndes Farnblatt hinter einem abgesägten Baumstamm. Das ist ungewöhnlich, da kein einziges Lüftchen weht. Langsam nähere ich mich dem Blatt und erkenne auch, dass dieses Geräusch lauter wird. „Hallo?“, rufe ich in die Richtung und schleiche weiter darauf zu.
Angst kriecht in mir hoch, dennoch bin ich auch ziemlich neugierig, was das sein könnte. Das Farnblatt bewegt sich nun stärker und mir entkommt ein kleiner Schrei, als ich grüne Augen und strubbeliges Haar sehe, das über die Wurzel schaut, sich aber nach meinem Schrei gleich wieder versteckt. Ich bleibe sofort stehen und keine drei Sekunden später wird mir klar, dass das kein Mensch ist, aber auch kein gewöhnliches Waldtier. Mein Mund ist ganz trocken und ich zittere am ganzen Leib, während das Wesen noch immer weiterweint. Leichte Panik steigt in mir auf, aber auch Mitleid. „Was soll ich nur tun?“, flüstere ich. „Wer … wer ist da?“, stottere ich und strecke meinen Hals, um besser sehen zu können.
Leider tut sich nichts. „Du kannst ruhig herauskommen“, spreche ich dann weiter. „Ich tue dir nichts.“ Innerlich lache ich mich aus. Zwar tue ich dem Wesen nichts, aber was, wenn es mir etwas tut. Kaum ist mein Gedanken zu Ende, nehme ich ein Rascheln wahr und einen Atemzug später, steht vor mir ein kleines Wesen, das dem Kuscheltier des Mädchens am Wasserfall sehr ähnelt. Ein Troll.
Er reibt sich die Augen und schaut mich traurig an. „Ich brauche Hilfe. Ich schaffe es nicht mehr allein.“ Die Stimme ist kindlich, hat aber auch etwas Altes an sich. Er hat eine große und runde Nase. Die Ohren sind fast genauso groß wie der ganze Kopf. Die Füße sind so lang wie meine, obwohl er nicht einmal 40 Zentimeter groß ist. Mein Mund steht offen. „Meine Güte“, bekomme ich nur heraus. Sollte ich jetzt normalerweise nicht schreiend wegrennen? Nein, ich bin wie versteinert. Völlige Verwunderung legt sich über meine Angst und ich kann nichts anderes tun, als dieses kleine Wesen vor mir anzustarren.
„Haben dir deine Eltern nicht beigebracht, dass Starren unhöflich ist?“, fragt er mich und schnieft leise, was ich sehr süß finde. Wie benommen schüttele ich den Kopf. „Entschuldige“, bin ich freundlich. „Wer … oder eher was bist du?“
Der Troll kommt mir einen Schritt näher und zu meinem Erstaunen fühle ich mich in keiner Weise in Gefahr. „Ich bin ein Troll und ich habe mich verlaufen“, bekomme ich zur Antwort. „Wahnsinn“, kommt nur aus meinem Mund. Ich kann es einfach nicht glauben, dass vor mir ein waschechter Troll steht. Ist er überhaupt echt?, kommen mir dann Zweifel. Langsam und fast wie benommen sehe ich mich um und halte Ausschau nach einer versteckten Kamera. Aber dann fällt mir ein, dass ich keine so großen Feinde habe, die mir so einen Streich spielen würden. Er ist da, er steht vor mir. Ich gehe leicht in die Hocke, damit ich auf ihn nicht gar so groß wirke. „Wie ist denn dein Name und was ist passiert? Ich bin Liv.“
Seine Wangen werden rot und er schaut mit seinen großen grünen Augen verlegen auf den Boden. „Mein Name ist Ferdinand“, beantwortet er meine Frage. Meine Augen werden groß. „Ferdinand?“, wiederhole ich fragend und denke an den Armreif, den ich am Wasserfall fand. Schnell hole ich ihn aus meiner Tasche. „Gehört der dir?“ „Ja“, haucht er. „Den habe ich verloren. Vor ein paar Tagen war ich noch zu Hause und habe mit den Schmetterlingen gespielt. Ich bin einem nachgelaufen und plötzlich war ich an einem Ort, den ich nicht mehr kannte und jetzt weiß ich nicht mehr, wie ich nach Hause komme.“ Sein ganzer Körper zittert, als er erneut schnieft und sich die Tränen wegwischt. „Ich vermisse meine Eltern und meine Geschwister. Ich will wieder heim.“
In diesem Augenblick wird mir klar, dass er die ganze Zeit der war, der mich verfolgt hat. Also kann ich meinem Instinkt noch trauen und ich leide nicht an Paranoia. Ferdinand trägt ein rotes Oberteil mit blauen Streifen, die ein Weiß umhüllt, was mich stark an die norwegische Flagge erinnert. Ist das nun Zufall oder Absicht? Ich weiß es nicht. Leider weiß ich auch nicht, wo sein Zuhause ist. Aber ich kann ihn nicht einfach so stehen lassen und ihn seinem Schicksal überlassen. Für mich ist klar, dass ich dem kleinen Kerl helfen muss, wieder nach Hause zu kommen. „Ich weiß zwar nicht, wo du wohnst, aber ich werde dir helfen“, versichere ich ihm. „Du gehst erst einmal mit mir und wir finden schon eine Lösung.“ Meine Zuversicht in allen Ehren, aber ich kann hier und jetzt überhaupt nicht einschätzen, ob ich ihm helfen kann oder nicht.
Dieser Moment, in dem wir uns für eine kurze Zeit noch gegenüberstehen, ist sehr magisch und für mich noch etwas surreal, aber es ist die Wirklichkeit. Hier wird Fantasie wahr. Glaube ich an Fantasie? Ja, das tue ich. Ich habe eine blühende Fantasie und ich denke, dass ich mich deshalb auch so schnell auf Ferdinand einlassen konnte.
Kapitel 5 von 7
Kapitel 5
Es dauerte eine Weile und kostete mir sehr viel Überredungskunst, bis ich Ferdinand davon überzeugen konnte, dass er für die weitere Reise in meinen Rucksack steigen muss. Aber am Ende fasste er sich an Herz, nahm seinen Armreif entgegen, vertraute mir und sprang hinein. Schließlich ist das auch zu seinem Schutz, denn ich bin der Meinung, dass ihn niemand zu Gesicht bekommen sollte.
Ich will mir nicht ausmalen, was die Menschen mit ihm machen, wenn sie ihn entdecken. Ihn durfte niemand außer mir in die Finger bekommen und sehen. Bei mir ist er sicher und ich denke, dass er das mittlerweile auch weiß.
Für meine dritte Nacht habe ich mich in einer Wanderstation eingetragen, die nun unmittelbar vor uns liegt. „Du musst jetzt still sein“, flüstere ich nach hinten. „Ich sage dir Bescheid, wenn du dich wieder rühren darfst. In Ordnung?“ „Ja“, haucht mein neuer Freund, worauf ich die Wanderstation betrete und an der Rezeption den Schlüssel für mein Zimmer abhole.
Anschließend steige ich eine Treppe hinauf, biege einmal nach links und einmal nach rechts ab und schon stehe ich vor meiner Zimmertür. Mein Herz hämmert stark in meiner Brust, als wäre ich den ganzen Weg gerannt, jedoch liegt es eher daran, dass ich Angst habe, mit einem Troll in meinem Rucksack erwischt zu werden. „Ich höre deinen Herzschlag bis hierher“, merkt Ferdinand an, während ich die Tür aufschließe. Ich lache leise auf und betrete das Zimmer. „Das liegt wohl daran, dass ich nicht jeden Tag mit einem Troll unterwegs bin.“ Langsam nehme ich den Rucksack von meinem Rücken und lasse Ferdinand heraus.
Er sieht sich skeptisch um. „Wo sind wir?“, fragt er mit einer leisen Stimme, dabei sehe ich, dass er sich das Armband angelegt hat. „Das ist unsere Unterkunft für die Nacht“, erwidere ich und stelle den Rucksack beiseite. „Ich werde jetzt noch einmal nach unten gehen und schauen, ob ich irgendetwas finde, das uns weiterhelfen kann.“ „Lässt du mich jetzt etwa allein?“, fragt er mit einem ratlosen Gesicht.
Ich lächele ihm zu. „Keine Angst, ich bin gleich wieder da. Möchtest du irgendetwas haben?“
Seine Augen erhellen sich. „Etwas Süßes.“ Ich grinse, laufe schnell die Treppen nach unten und gehe zu dem Bücherregal, welches mir vorhin schon aufgefallen war. Sofort sticht mir ein Buch ins Auge, das den Titel Sagen und Legenden aus Norwegen trägt. Ich verliere keine Zeit und kaufe es, dazu noch ein paar Süßigkeiten und anschließend mache ich mich wieder auf den Weg zu Ferdinand. Als ich das Zimmer betrete, sitzt er auf dem Bett und starrt aus dem Fenster. Er scheint mich im ersten Moment nicht wahrzunehmen und ich erkenne, dass sein Heimweh sehr groß sein muss. Ich muss dafür sorgen, dass er so schnell wie möglich wieder heimkommt. „Hier sieh mal“, reiße ich ihn aus seinen Gedanken.
Er dreht sich herum und rennt über das Bett, was durch seine Statur ziemlich witzig aussieht. „Zeig mal“, ruft er fast. „Was hast du da?“
Ich setze mich zu ihm auf das Bett und reiche ihm erst einmal die Tüte mit den Süßigkeiten, welche er entgegennimmt. Gespannt schaut er hinein, holt sich eine saure Stange heraus und steckt sie gleich in seinen Mund.
Danach zeige ich ihm das Buch und versichere ihm, dass wir darin sicher etwas finden. Während ich nun das Buch studiere, sitzt Ferdinand brav neben mir und leert die Tüte mit den Süßigkeiten. In dem Buch steht sehr viel, von dem ich noch gar nichts wusste, aber auch viel, was mir schon bekannt war.
„Hier, das könnte etwas sein“, sage ich zu Ferdinand und lese eine Textpassage laut vor: „Die Trolle leben zurückgezogen an Orten, die für Menschen nicht sichtbar sind.“
„Das hört sich aber nicht gut an“, erwidert er. „Wie sollen wir denn mein zu Hause finden, wenn du es nicht siehst?“ Ich lächele. „Es reicht doch, wenn wir es finden und du es siehst“, entgegne ich ihm und lese weiter: „Wir Menschen sehen die Eingänge zu diesen Orten nicht, aber die Tiere, die sehr große Freunde der Trolle sind. Schmetterlinge haben eine große Anziehungskraft auf diese Wesen. Dort, wo sie sind, findet ihr auch das Tal der Trolle. Also haltet eure Augen offen, vielleicht lauft ihr irgendwann einmal einem über den Weg.“ „Schmetterlinge mag ich sehr“, merkt Ferdinand an und legt sich auf das Kissen. „Ich bin sehr müde.“ Ich nehme das Buch weg und decke ihn zu, während er seine Augen schließt. „Wir werden morgen nach den Schmetterlingen Ausschau halten, dann kannst du ganz schnell wieder nach Hause gehen“, flüstere ich, beuge mich nach vorne und gebe ihm einen Kuss auf die Stirn. „Du wirst deine Familie bald wieder sehen.“ Er brummt unverständliche Worte und ein paar Sekunden später fällt er mit einem leisen Schnarchen in einen tiefen Schlaf. Ich schnaufe laut aus, lege mich auf den Rücken und hoffe so sehr, dass wir wenigstens ein Stück weiterkommen. Wenn nicht, dann muss ich mir etwas anderes einfallen lassen.
Kapitel 6 von 7
Kapitel 6
Als wir aufbrechen, ist es noch dunkel. Ich wollte so früh wie möglich los, damit wir etwas mehr Zeit haben, um nach Schmetterlingen Ausschau zu halten. Meine Hoffnung, welche zu finden, schwindet jedoch etwas, als ich an die letzten Tage denke und herausfinde, dass ich noch keinen einzigen Schmetterling in Norwegen gesehen habe.
Durch Ferdinand habe ich erfahren, dass sich Schmetterlinge gerne auf freier Flur aufhalten. Dort suchen sie sich schöne und bunte Blumen, die sie anfliegen und ihren Nektar trinken. Also verlasse ich meinen geplanten Weg und finde mich auf einmal auf einer bunten Blumenwiese wieder.
Ist das typisch für Norwegen? frage ich mich und kann mich nicht erinnern, auf meinem bisherigen Weg so etwas Wundervolles gesehen zu haben. Im Hintergrund steht ein großer Berg, dessen Gipfel bis in die Unendlichkeit zu reichen scheint. Obwohl ich skeptisch sein sollte, bin ich die Ruhe in Person. Ob das schon ein Zeichen ist, dass wir dem Tal der Trolle nahe sind?
„Liv. Liv“, höre ich Ferdinand nach mir rufen. „Schau. Schau, dort. Schmetterlinge.“ Er deutet an eine bestimmte Stelle in der Wiese. Dort liegen zwei große Felsen aufeinander, und um diese Felsen fliegen Hunderte von gelben Schmetterlingen.
Wieder einmal werde ich vor Verwunderung starr wie ein Stein und atme den Zauber der Natur mit einem Zug tief ein. „Komm. Komm“, fordert mich Ferdinand auf und rennt auf die Felsen zu. „Warte“, will ich ihn aufhalten, aber der Kleine ist ganz schön flink mit seinen kurzen Beinen. Also laufe ich ihm nach, bis wir bei den Schmetterlingen ankommen. Ich rechne damit, dass sie verschwinden, sobald wir dort ankommen, aber genau das Gegenteil ist der Fall. Als wäre nichts, bleiben sie an Ort und Stelle und fliegen fröhlich um uns herum.
„Hier ist ein Eingang.“ Ferdinand deutet auf einen kleinen Lichtkegel zwischen den Felsen. „Siehst du das?“ Seine Stimme ist hell und kling sehr aufgeregt.
Aber … warum kann ich das alles sehen? In dem Buch stand, dass das nur Tiere können. „Ja, das tue ich“, sage ich verwundert und knie mich auf den Boden. „Aber, warum kann ich ihn auch sehen?“ Auf einmal spüre ich, dass Ferdinand seine Hand in meine nimmt. „Vielleicht, weil du an all das glaubst.“
Ich schenke dem kleinen Kerl ein Lächeln. „Meinst du?“ Er nickt und deutet mit den Augen in Richtung des Lichtkegels. „Wollen wir? Kommst du mit?“
Mit einem Seufzen stehe ich auf und nicke. „Natürlich. Ich lasse dich erst wieder los, wenn du bei deiner Familie und in Sicherheit bist.“ Kaum sind meine Worte zu Ende, gehen wir gemeinsam auf den Lichtkegel zu. Als wir kurz davor sind, ist es so, als würden wir in einen Strudel aus Lichtern geraten und ehe wir uns versehen, stehen wir an einem ganz anderen Ort. Mittelerde ist nichts dagegen. „Das ist es“, schreit Ferdinand auf einmal und hüpft fröhlich neben mir auf und ab. „Das ist mein zu Hause. Ich bin wieder daheim.“ Seine Freude springt sofort auf mich über und ich muss zugeben, dass ich sehr stolz auf mich bin. Nicht jeder kann von sich behaupten, dass er einem Troll half, wieder nach Hause zu kommen. Aber ich würde behaupten, dass mein Abenteuer größer ist als das von Frodo Beutlin.
Wir beide stehen auf einem Felsvorsprung, wovon wir einen atemberaubenden Ausblick auf das Tal der Trolle haben. Direkt gegenüber von uns, aber weit in der Ferne, befindet sich ein Berg, hinter dem gerade erst die Sonne aufgeht. Oder ist es der Mond? Vielleicht sind es auch beide Himmelskörper. Ich bin mir jedenfalls sicher, dass die Uhren hier anders schlagen und dass Zeit belanglos ist. Im Tal erblicke ich Wald, Wiesen, Seen, Felder, Flüsse und Bäche, man kann einfach alles von hier oben sehen. Felsen bilden eine Figur, die aussieht wie ein riesiger Troll. Vögel finden darauf Platz, um ihr Reich von oben zu beschützen. Dieser Ort ist der schönste, den ich je in meinem Leben gesehen habe und ich bin mir sicher, dass er das für immer bleiben wird.
Ferdinand deutet ins Tal. „Da unten ist mein Dorf. Kannst du es sehen?“
Tatsächlich. Zwischen See und Wald stehen viele kleine Hütten. Qualm steigt auf und wenn man genau hinhört, kann man sogar Stimmen erkennen. „Komm.“ Ferdinand zieht mich mit sich und schnattert in einer Tour, während wir uns auf den Weg in seine Heimat machen. Ich bin schon ganz gespannt und hoffe, dass mich die Trolle mit offenen Armen empfangen und nicht zum Abendessen über das Feuer hängen. Ich grinse bei dem Gedanken und verwerfe ihn aber gleich wieder. Ich bin mir sicher, dass ich dieses Tal lebend wieder verlassen werde. Die Geschichten des Mannes am Lagerfeuer verrieten mir, dass Trolle gemütliche und liebevolle Lebewesen sind. Sie ziehen sich eher zurück, als einen Krieg zu entfachen. Auch die Erzählungen und Geschichten in dem Buch, das ich gestern Abend noch zu Ende las, besagen, dass von Trollen keine Gefahr ausgeht. „Wir sind gleich da“, sagt Ferdinand außer Atem, während wir über eine kleine Holzbrücke das Dorf erreichen. Plötzlich lässt er mich los. „Mama, Papa“, ruft er und rennt ohne Umwege ins Dorf. „Ich bin wieder da.“ Im dritten Haus auf der linken Seite wird auf einmal die Tür aufgerissen, heraus kommen zwei erwachsene Trolle, die den kleinen Ferdinand sofort in die Arme nehmen.
Diese Szene ist einfach zauberhaft und rührend zugleich. Die Freude aller spüre ich bis hierher und ich muss zugeben, dass dieses Bild mein Heimweh etwas anfacht. Wenn ich wieder zu Hause bin, werde ich die nächsten Wochen erst einmal mit meiner Familie verbringen.
Kapitel 7 von 7
Kapitel 7
Ich kann es nicht glauben und musste mich schon mehrmals kneifen, weil ich das Gefühl hatte zu träumen. Ich sitze mit etwa 20 Trollen beisammen und esse zu Abend eine leckere Kartoffelsuppe. Dazu gibt es grüne Blätter, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe, sie schmecken aber sehr lecker. Neben mir sitzt Ferdinand und uns gegenüber sitzen seine sehr netten Eltern.
Nachdem sie ihren Sohn herzlich begrüßt hatten, kamen sie auf mich zu und nahmen auch mich gutmütig in Empfang. Sie bedankten sich bei mir und boten mir an, zum Abendessen zu bleiben und wenn ich möchte, kann ich auch die Nacht hier verbringen. Die beiden sind ungefähr zehn Zentimeter größer als ihr Sohn. Der Vater hat blaue Augen, die Mutter braune, die meiner Meinung nach eher schon ins Schwarze gehen.
Ferdinands Vater hat graues Haar, das in alle Himmelsrichtungen absteht und auf seiner breiten Nase hat er eine große Warze. Diese wirkt jedoch nicht abschreckend, sondern passt wunderbar zu ihm. Für mich ist er ein Bilderbuchtroll. Seine Mutter hingegen wirkt noch jung, ihr dunkles Haar hat sie ordentlich nach hinten gekämmt und sie trägt eine grüne lange Kutte, die ihre großen Füße jedoch nicht verdeckt.
Das kleine Dorf der Trolle liegt zum Teil mitten im Wald. Manche bauten ihre Häuser in die Baumkronen, während die anderen den sicheren Boden bevorzugten. Hinter den Bergen geht die Sonne langsam unter und eine abendliche Frische kommt auf. Überall stehen Feuerkörbe, die uns Licht und Wärme schenken. Um uns herum fliegen die gelben Schmetterlinge, sie lassen Ferdinand nicht aus den Augen. Der Abend könnte nicht schöner sein und ich habe noch nie in meinem Leben daran gedacht, dass ich irgendwann einmal mit Trollen an einem Tisch sitzen und mich mit ihnen unterhalten werde. Ich würde nicht behaupten, dass ein Traum wahr wird, aber tief in meinem Inneren habe ich mir schon einmal gewünscht, Elfen oder Feen zu treffen. Jetzt sind es Trolle und ich bin der glücklichste Mensch der Welt.
Während Ferdinand mit seinen Geschwistern spielt, erzählen mir seine Eltern ein wenig über sich und die wunderschöne Umgebung, die man auch das Tal der Trolle nennt.
„In diesem Tal leben wir Trolle schon seit unzähligen Generationen“, beginnt seine Mutter zu sprechen. Ihre Stimme ist klar und rein wie ein Bergsee. „Mehrere Tausend Jahre suchen wir nun Schutz in diesem Tal und schafften es so, den Menschen fernzubleiben.“
Ihre Erzählungen und Geschichten beeindruckten mich sehr und ich höre aufmerksam zu. Dennoch bin ich verwundert, dass sie mich gleich aufnahmen und nicht wieder wegschickten. Ihre Gastfreundschaft ist jedenfalls wunderbar und ich fühle mich sehr wohl bei ihnen. Ich kann jedenfalls behaupten, dass ich neue Freunde gefunden habe.
Meine Nacht verbringe ich auf einer Hängematte. Jedoch bin ich nicht die Einzige, denn der größte Teil der Trolle bevorzugt das Nächtigen unter freiem Himmel. Wer möchte das auch nicht, bei diesem atemberaubenden Anblick der Sterne. „Du bist hier immer herzlich willkommen, Liv“, hallt die Stimme von Ferdinands Mutter in meinem Kopf. „Jedoch möchten wir dich bitten, dass du niemandem von unserer Existenz erzählst. Du bist nun einer der wenigen Menschen, der von uns weiß.“ Das ist selbstverständlich, ihr Geheimnis ist bei mir sicher. Am nächsten Morgen packe ich leise meine Sachen zusammen und entscheide mich dazu abzureisen, ohne mich zu verabschieden. Ferdinands Mutter weiß darüber Bescheid. Abschiede liegen mir nicht, Ferdinand wäre mit Sicherheit sehr traurig und ich möchte ihn nicht wieder weinen sehen.
Eine Träne rollt über meine Wange, als ich auf dem Felsvorsprung stehe und einen letzten Blick über das Tal der Trolle werfe. „Machts gut“, flüstere ich und kehre dem allen den Rücken. Völlig in Gedanken versunken und nicht wissend, wo ich überhaupt lang muss, komme ich wieder auf der Wiese an und laufe einfach in irgendeine Richtung los.
Es war unglaublich. Mein Urlaub hätte nicht schöner sein können. Ich laufe und laufe, durch Wälder, über Wiesen, an Seen vorbei und über Felsen und plötzlich staune ich nicht schlecht, als ich wieder vor der Parkstation stehe, von der aus ich gestartet bin. Verwundert sehe ich mich um und lache. Anschließend bringe ich die Karte und das Funkgerät wieder an die Rezeption. „Hei“, begrüße ich die Frau.
Sie lächelt freundlich. „Hei. Hatten Sie eine schöne Wanderung?“, fragt sie mich neugierig.
Ich nicke und schenke ihr das breiteste Lächeln, das ich zur Verfügung habe. „Ja, die hatte ich.“
„Das freut mich.“ Sie nimmt die Karte und das Funkgerät entgegen. „Vielleicht können wir Sie bald wieder hier begrüßen“, äußert sie sich und zwinkert mir zu.
Auf einmal ist es wie im Film. Sternenstaub fliegt umher und ich bilde mir ein, ihre Augen verändern die Farbe. In der Station kommt ein Wind auf, es wird kurz kühl und dann ist alles wieder vorbei. Die Frau lächelt erneut und verrät mir so, dass sie ganz genau weiß, was ich in den letzten Tagen erlebt habe. Und dass sie einer der wenigen Menschen ist, die das Tal der Trolle auch schon einmal besucht hat.
Zum Abschluss
Danksagung
Ich danke meinem Bruder Lennart für das Coverdesign.
© Brendan Lubs. Alle Rechte vorbehalten.
